SCHWARZER MITTWOCH

Anlässlich der sich jährenden Finanzkrise laden DRAMATEN am 7. Oktober zu einer außergewöhnlichen Eucharistiefeier. In einem goldenen Raum, der durch aufgeklebte Rettungsdecken zum begehbaren Banktresor wird, vollziehen sie gemeinsam mit dem Publikum das zentrale Wandlungsritual. Geldstücke werden in flüssigen Zucker getaucht und auf diese Weise in verzehrfertige Karamellbonbons verwandelt, die dem Zuschauer auf einem silbernen Tablett serviert werden. Dank der Karamellisierung erhält das Geld eine neue Bestimmung – aus etwas Unheilstiftendem wird etwas Harmloses, dem die kindliche Unschuld anhaftet und das man sich in den Mund stecken kann. Um das Geld seiner eigentlichen Bestimmung zurückzuführen, muss es gelutscht werden, nur so kann es von seiner süßen Schicht befreit und wieder zu einem Zahlungsmittel werden. Aber Geld gilt im wahren als auch übertragenden Sinne als schmutzig, so dass es schwer fällt, die Stücke in den Mund zu nehmen. Wer will schon Geld lutschen?

Ausgangspunkt der Performance Schwarzer Mittwoch ist eine Episode aus dem Musicalfilm Mary Poppins.

Darin nimmt der Familienvater Mr. Banks seine Kinder mit in die Bank, weil sie das Arbeitsleben des Vaters kennen lernen sollen. Angelockt von zwei Penny, die sein Sohn Michael mit sich trägt, erscheint der Seniorchef der Bank, Mr. Dawes senior. Er will Michael dazu überreden, mit seinem gesparten Taschengeld ein Konto zu eröffnen. In einem Lied versuchen sie ihn von den Vorteilen des gehorsamen Sparens zu überzeugen: „Willst du zwei Penny sparen, sei schlau, trag sie zur Bank. Leg sie an. Hier sind sie sicher und sie summieren sich auf der Bank. Denk daran. Schnell lernst du was es heißt besitzen, wenn dein Reichtum sich vermehrt, in den Händen des Direktors, der es versteht und für dich Pfandbriefe erwirbt…Wenn du immer sparsam bist, folgsam bist und trägst ganz schnell zwei Penny in die – mit vollem Namen- in die Dawes, Tomes, Mousely Grubbs, stets teuer und vertrauenswerte Bank.“

Doch das Lied vermag nicht, Michael vollends zu überzeugen. In einem unachtsamen Moment reißt Mr. Dawes dem Knaben das Geldstück aus der Kinderhand. Als Michael schreiend die Herausgabe seines Geldes verlangt, kommt es zu einer Panik in den Kassenräumen und auf der Straße, die in einem Sturm auf die Bank endet. Alle anwesenden Kunden verlangen die Auszahlung ihrer Konten.

Während der Performance läuft das Lied der Banker auf einem Bildschirm, der im Raum steht, in Endlosschleife. Immer wieder hört und sieht der Zuschauer die lockenden Banker, die versuchen, den jungen Michael zum Sparen zu verführen. Letztendlich stehlen sie ihm das Geld. Ihre selbst behauptete Verrauensposition und das Stürmen der Bank durch die Anleger lesen sich als Kommentarebene zur momentanen Finanzkrise. Vor allem die Textzeile: „Schnell lernst du was es heißt besitzen, wenn dein Reichtum sich vermehrt, in den Händen des Direktors, der es versteht und für dich Pfandbriefe erwirbt“ wirkt angesichts vergangener Ereignisse ironisch.

Das neue Kindermädchen der Familie Banks weiß Michael und seiner Schwester in einem anderen Song mit glockenheller Stimme zu berichten, dass „ein Löffelchen voll Zucker bittre Medizin versüßt.“ Diesen Ratschlag beherzigen auch DRAMATEN und greifen dem Zuschauer in der Krise beherzt unter die Arme und ins Portemonnaie. Er kann Münzen abgeben und bekommt diese bittre Medizin nach kurzer Zeit karamellisiert zurück. Dieses Wandlungsritual feiern Zuschauer und DRAMATEN gemeinsam inmitten von 75 Kilo Zucker im goldenen Raum. Ein süßlicher Geruch von flüssigem Zucker und die Hitze der Herdplatte hüllen die Anwesenden ein und steigern sich im Laufe der Performance ins Unerträgliche.

Die Performer baden in Zucker, reiben sich mit Zucker ab, reinigen sich in Zucker und atmen Zucker. In diesem Überfluss verkauft ein geflügelter Engel sein Fleisch. Der Finanzhai tanzt orientierungslos in der Ecke. Eine Frau im silbernen Kleid schreibt Zahlen auf ihren Körper, die alles bedeuten können, den Wert des Menschen, des Geldes, Geburten und Tode. Aus der Flut von performativen Prozessen entstehen für den Zuschauer verschiedene Bedeutungsebenen, die er mit seinem eigenen Erleben der Krise in Verbindung bringen kann.

Der Sound von daniel Williams gibt der Krise eine Stimme, er vereint Börsenberichte, aufgebrachte Kommentare von Anlegern und Bankern, Arbeitslosen und Regierungschefs zu einem Klangteppich, der sich mit dem Lied der Banker verbindet.

Diese unglaubliche Lautstärke und die Parallelität der performativen Prozesse bedingen eine Undurchsichtigkeit, die stellvertretend für die Undurchsichtigkeit einer Krise steht, die fernab unserer Lebenswirklichkeit und unseres eigenen Handlungsspielraums produziert wird, unser Leben jedoch von Grund auf erschüttert. Indem wir sie im Rahmen eines gemeinsamen Rituals in einem Raum bündeln, wollen wir sie für den Zuschauer erlebbar machen und mit ihm eine Utopie feiern: ein Löffelchen voll Zucker kann die bittre Medizin versüßen, die jeder schlucken muss. Die Süße kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass Geld immer nur Geld bleibt und die Ursachen der Krise auch nach einem Jahr nicht behoben sind, denn unter dem Karamell kommt immer der metallene Geschmack zum Vorschein, der ein Würgen verursacht.

SCHWARZER MITTWOCH. Bald auch in ihrer Bank!