Projekt: ”Softskill” – Der Stuttgarter Theatermacher Ulf Aminde hinterfragt mit Schiller das System der ARGE
Das Jobcenter als moralische Anstalt
Von unserem Mitarbeiter Dennis Baranski
Bedrückend ist die Stimmung in der ARGE Mannheim: Aus dem Großraumbüro quillt die getragene Kakophonie von Rassel, Geige und Tamburin. Mit seiner Installation ”Softskill – Das Jobcenter als moralische Anstalt betrachtet” gewährt Ulf Aminde tiefe Einblicke in die emotionalen Szenarien der staatlichen Hoffnungsanstalt.
Überall sitzen, stehen und wandern Maskierte – träge und gebrochen harren die so Entindividualisierten, seien es Hilfesuchende oder Mitarbeiter, ihrem Schicksal. Dazwischen pendelt eine Gruppe erfolglos von einem Schreibtisch zum nächsten. Endlos werden die Abläufe durchexerziert doch keine Wendung vermag sich abzuzeichnen. Über drei Stockwerke erstreckt Aminde seine Partituren der Verzweiflung und lässt den Betrachter allein mit dem Originalschauplatz. Gehe ich nun erst nach oben? Oder führt mich mein Weg doch direkt in den Keller?
Von Pontius bis Pilatus
Aus den Büros dringen Streitgespräche und Gesuche auf den Flur, die ohne Gehör zu finden in einem kafkaesken System für immer versanden, während sich im Keller Jugendliche auf einer Videowand den Zorn über ihre Perspektivlosigkeit von der Seele schreien – die oberen Stockwerke werden ihnen wohl verwehrt bleiben. Die Gesichtslosen musizieren immer schneller, auch die von Sachbearbeiter zu Sachbearbeiter wandernde Menge erhöht ihr Tempo. Von Pontius über Pilatus führt ihr Weg zurück in den Wartebereich, wo, angeheizt von der zum Exodus beschleunigten Geräuschkulisse, der Knoten platzt: ”Gibt es keinen Ort, wo ich mal nicht präsentiert werde?” Doch das Schreien der Anonymen wird schlicht überhört – das Spiel beginnt von neuem.
Empfindsam zeichnet Aminde den Leidensweg der vom Arbeitsmarkt Stigmatisierten zwischen Hoffnung und Desinteresse nach. Zusammen mit Mannheimer Erwerbslosen und Mitarbeitern der Agentur entsteht so eine ergreifende Darbietung. Ein großartiger, bedrückend unstatistischer Forschungsbericht vom Rande der Gesellschaft über einen für Menschen geschaffenen Apparat, der selbige längst aus den Augen verloren hat.
Mannheimer Morgen 23. Juni 2009