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Artikel 1 zu 5 ansehen (15 Artikel gesamt)  
  • Lieber Volker, man muss sich ja hier ständig durch die Seiten wühlen, um alles Wichtige zu finden. Ein knackiger Antrag, der herausfordert und den ich spannend finde.
    Auch Heikis Erfahrungen in Pakistan und mit den Aborigines finde ich sehr bedenkenswert.
    In Kulturen die auf mündlicher Überlieferung auf Sprache, ja bei den Abos auch auf Musik ( Singen ) beruhen, ist das Denken oft bildhafter vernetzt und nicht so abtrakt.
    Das erhält die Sinne sensibel und funktionstüchtiger.
    Vermute es gibt einen Zusammenhang zwischen Verspachlichung im Sinne von Verschriftlichung und der Einschränkung bzw. Normierung des Sehens. Unser Hören ist eingeschränkt , d.h. undifferenziert durch eine kulturelle Normierung, die auch eine Hierarchie der Klänge erzeugt. Kulturelle unwichtige, nicht bedeutsame Klänge werden herausgefiltert oder als störend empfunden. Das findet denke ich auch beim ”Schauen” ”Anschauen” statt.
    Als unser Sohn Max kaum in der Schule war entwickelte er eine Vorliebe für MTV – Videoclips. Das war zu Beginn der 90er als MTV in vielem noch avantgardistisch war. Er schrie dann immer auf, wenn sein Lieblingsvideo kam und holte uns heran.
    Ich weiss nicht mehr, von wem diese Video war. Erinnere nur noch, dass es ästhetisch sehr avanciert war – ineinander geschnittene schnelle Sequenzen,
    zwei Bilder über einem – Industriegelände, apokalyptisch – ein mit vielen einzelnen Bildern / Details vollgestopftes Bild. Max: ( offensichtlich und aus unerfindlichen Gründen seine Lieblingsstelle ) ”Gleich kommt der Hund hinter der Mauer hervor.”
    Ich sah diesen Hund nicht, bei ersten Mal nicht, auch beim zweiten Mal nicht – bis ich schliesslich den Spot aufzeichnete. Erst die Zeitlupe half mir. Tatsächlich bog da für vielleicht 2 – 3 Sekunden ein sehr kleiner Hund deutlich sichtbar um eine Mauerecke und löste sich dann im Bild auf. Mein Sehen auf erkennende Eloquenz trainiert ,hatte diesen Hund einfach nicht wahrnehmen können.

  • Lieber Volker,
    vielen Dank. Ich finde beide Projektanträge sehr gelungen. Auch das Jade-Goody-Projekt finde ich spannend. Ich war da zunächst sehr skeptisch, hat mich überhaupt nicht interessiert. Aber die von dir formulierte Ausrichtung und besonders der Titel lösen eine unheimlich Anziehungskraft aus.

    In diesem Zusammenhang werde ich noch einmal unser Pakistan-Projekt beleuchten.
    Es ist nämlich irre, wie dieses Internet-Leben in solchen Gesellschaften wie Pakistan funktioniert. Da gibt es ja unendlich viele Leute, die zum Beispiel aus den Bergen kommen, die direkt aus einer feudalen Welt in die Handy-und-Internet-Welt kommen und darin auch absolut aufgehen. Interessant dabei ist, dass diese Leute im Gegensatz zum Mitteleuropäer verschiedene Zwischenstufen kultureller Entwicklungen übersprungen haben, also verschiedene Barrieren gar nicht haben.
    Da gibt es zum Beispiel Kinder im Swat-Tal, die besser mit der Videokamera umgehen können, gelernt haben, einen Film zu schneiden u.s.w. ihn auf youtube stellen – können aber kaum lesen und schreiben.
    Ähnliche Phänomene habe ich bei den Aboriginies erlebt, denen bedeutet lesen und schreiben nix, weil ihre Vorfahren eine Kultur gelebt haben, in der alles mündlich weitergegeben wurde – sie selber haben aber in der Schule jeder einen eigenen Computer.
    Da entwickeln sich Fähigkeiten heraus, wesentlich ungebremster als bei uns. Aber was bedeutet das für die Seele: der direkte Übergang einer Handwerks- und Agrargesellschaft, oder teilweise gar aus einer urzeitlichen Nomadengesellschaft, in die Welt der Massenmedien und der virtuellen Internetidentitäten.

  • Hallo Leute, hier ist der Projektantrag an die Kulturstiftung Sachsen im Wortlaut:

    Trilogie des Verschwindens

    DRAMATEN plant ab der 2. Jahreshälfte 2010 unter dem Titel »Trilogie des Verschwindens« eine Auseinandersetzung mit den Werken des französischen Philosophen Paul Virilio – Panische Stadt – Rasender Stillstand – Krieg und Kino.

    Thema
    Paul Virilio beschreibt in seinem Essay »Panische Stadt« den Irak-Krieg nicht als ein isoliertes Phänomen, sondern als eine allgemeine, tiefgreifende gesellschaftliche Umwälzung, zu der dieser Krieg oder der 11. September ein Puzzleteil sind. »Die Massenvernichtungswaffe untersteht der Waffe der Massenkommunikation«, so Virilio. Ein Krieg ohne diese »schlechten Eltern« ist heute nicht mehr denkbar. Oder wie Virilio George W. Bush zitiert: »Durch eine Kombination imaginativer Strategien und fortschrittlicher Technologien definieren wir den Krieg für uns neu«. Der Krieg ist zu einem Infowar geworden. Damit gelangt man allmählich zu dem Zentrum, um das sich Virilios Essays drehen: der Virtualisierung. Darin sieht er die Revolution (im ursprünglichen, naturwissenschaftlichen Wortsinne von Umwälzung), die sich vollzieht.

    Diese Umwälzung hat nachhaltige Auswirkungen auf den Raum und auf das Raumgefühl. Die Kriege der Gegenwart werden nicht mehr auf realen Schlachtfeldern geführt, die Feldherren stecken keine Fähnchen mehr auf Pläne. Der Ort der Kriege ist heute der virtuelle Nicht-Ort, sind die Massenkommunikationswaffen. Wurde im 19. Jahrhundert der Raum erschlossen, so haben sich die Veränderungen des 20. Jahrhunderts in der Übertragungstechnik vollzogen.

    Die Veränderungen der Gegenwart sind Veränderungen des Raumes. Durch Fortbewegungsmittel, durch Technik wie Teleobjektive und vor allem durch die Virtualisierung wird der Raum zunehmend zerstört. Nur wer die Straße geht, erfährt von ihrer Herrschaft, schrieb Walter Benjamin. Durch das Eintauchen in den Untergrund und das Wiederauftauchen an anderer Stelle, wird der kontinuierliche Raum zerstört und es entsteht ein Flickenteppich, die den Passagier orientierungslos zurücklässt, der Realraum des Sehsinnes kollabiert in der Metro unter dem Andrang des virtuellen Raumes.

    Die Städte entwickeln sich, so Virilio in seinem Essay »Panische Stadt«, von Mega- zu Metastädten, ein Vorgang, den Henri Lefébvre als Verstädterung der Gesellschaft zu beschreiben suchte, die Geopolitik wandelt sich zu einer Metropolitik. Zugleich findet ein Niedergang der Metropolen statt, die Abschottung in festungsähnlichen Siedlungen, in die sich die Wohlhabenden in Amerika und in Südamerika zunehmend zurückziehen. Damit erfolgt eine Umkehrung des Prozesses, den die Städte mit der Industrialisierung erfahren haben. Zugleich sind diese (post)modernen Festungsstädte paradoxer Ausdruck der permanenten Panik, in die die westliche Welt seit dem 11. September versetzt ist. Beteuerungen und Maßnahmen gegen die Panik verstärken diese nur noch.

    Die Welt befindet sich also einerseits in einem permanenten Belagerungszustand, während zugleich eine Revolution durch die ungeheure Virtualisierung stattfindet.
    Paul Virilios Essay »Panische Stadt« versucht in seiner Deutung einzufangen, was die Welt beschäftigen sollte, während diese vor dem Fernseher sitzt oder noch eben in einer Internet-Community eine Freundschaftseinladung verschickt.

    Konzeption
    Nach der Realisierung unserer Internet-Trilogie mit den Teilen NEUNUNDREISSIGNEUNZIG, MYSPACE UND CIRCUS MAXIMUS, die den Fokus auf das Individuum und seine Verflüchtigung ins Virtuelle richtete, suchen wir in der »Trilogie des Verschwindens« nach den Ursachen der Transformation der Umwelt, die die Zwänge und Abhängigkeiten des modernen Menschen hervorgerufen hat. Denn die wirklich umwälzenden Prozesse, die unser Leben bestimmen, finden grundsätzlich in der Ferne statt. Wir möchten in der „Trilogie des Verschwindens“ die Sinne für diese Prozesse schärfen und dem Publikum eine Revolution ins Bewusstsein rufen, die sich lautlos und scheinbar blutlos, aber mit noch nicht absehbarem Ausgang mitten in unserer Gesellschaft vollzieht.

    Umsetzung
    Mit dem zeitgenössischen Komponisten Karsten Gundermann verbindet DRAMATEN eine ganz außergewöhnlich intensive Arbeitsbeziehung und spätestens seit der erfolgreichen Uraufführung von »KAFKAS PROZESS«, anlässlich des 10 – jährigen Bestehens des Societaetstheaters Dresden, ist auch einer breiten Öffentlichkeit die Wichtigkeit von zeitgenössischer Musik in Verbindung mit modernem Theater wieder stärker ins Bewusstsein gerückt.

    Um die deutschlandweit einmalige Zusammenarbeit zwischen einem der kreativsten Persönlichkeiten der zeitgenössischen Musik und der freien Produktionsgemeinschaft DRAMATEN weiter pflegen zu können, benötigen wir die Unterstützung der Kulturstiftung Sachsen und anderer Förderer. Vor allem benötigen wir eine Konsolidierung des Zeitmanagements, d.h. Vorlaufzeiten von wenigstens 9 Monaten für die Komposition und weitere 6 – 9 Monate für die Umsetzung.

    Karsten Gundermann soll mit einer Komposition zu »Panische Stadt« den Ausgangspunkt für die Trilogie des Verschwindens setzen. Dazu wird er die Sprache Virilios mit der Sprache der Stadt in eine spannungsreiche Beziehung bringen.

  • Die Hölle des Gleichen:
    Zwei Brüder leben in einem Schloss. Jeder hatte eine Tochter und die beiden Kinder hatten dasselbe Alter. Sie schicken sie ins Internat, lassen sie bis zu ihrem 18. Lebensjahr dort. Beide sind sehr schön. Da lassen sie sie aufs Schloss zurückkehren. In dem Auto, das sie zurückbringt, fühlt sich eine der beiden Cousinen plötzlich schlecht und stirbt. Im selben Moment stirbt auch der auf dem Schloss wartende Vater. Nur eine der beiden Töchter kommt lebend an. Ihr Vater entkleidet sie und penetriert sie wider die Natur. Beide erheben sich
    alsbald durch Levitation in ihrem Zimmer, fliegen durch das Fenster und über das Land, versteinert in der inzestuösen Umarmung, die nicht mehr zu Ende geht. Das Umherfliegen der anormalen Paarung, die ohne Flügel fliegt, wird von allen in diesen friedlichen Landstrichen Lebenden tief empfunden, in langen negativen Vibrationen. Überall zieht ein Ungleichgewicht, eine panische Verwirrung, ein unbestimmbarer Schrecken ein, der zu unvernünftigen Handlungen bei den Menschen führt. Krankheiten und Gewalttaten bei den Tieren, Angst bei den Pflanzen auslöst – alle Beziehungen sind gestört.”

    Guido Ceronetti

    wurde in unserem Zusammenhang von Jean Baudrillard zitiert.

  • Noch einen literarischen Verweis zur Thematik
    der italienische Alt – ”Menschenfeind” dichtete:

    ”Er ging umher, am Hals ein Kästchen.
    – Was verkaufst du hier wo es alles gibt?
    Eine Leere verkauf ich, die allen fehlt,
    Verkauf eine Abwesenheit, die ich hier nicht finde,
    Ein Nichts verkauf ich, das man nicht aufwiegt.
    Niemand der etwas von mir kaufte heute,
    Aber morgen werdet ihr sehen wieviele Leute.

    Mit welchem Dringen anstelle des Singens
    Könnten wir erhellen deiner Nacht Schwärze
    Du Erde die brennt, Erde die schmerzt
    Trauer des Menschen, Krankheit des Menschen?
    Schmerz anzutun ist all euer Tun:
    Hast du geschaut in ein Gesicht des Menschen
    Tu überhaupt nichts; Wohltun ist Nichttun. ”
    aus Guido Ceronetti – Mitleidenschaften und Verzweiflungen erschienen bei Galrev