Hallo Leute, hier ist der Projektantrag an die Kulturstiftung Sachsen im Wortlaut:
Trilogie des Verschwindens
DRAMATEN plant ab der 2. Jahreshälfte 2010 unter dem Titel »Trilogie des Verschwindens« eine Auseinandersetzung mit den Werken des französischen Philosophen Paul Virilio – Panische Stadt – Rasender Stillstand – Krieg und Kino.
Thema
Paul Virilio beschreibt in seinem Essay »Panische Stadt« den Irak-Krieg nicht als ein isoliertes Phänomen, sondern als eine allgemeine, tiefgreifende gesellschaftliche Umwälzung, zu der dieser Krieg oder der 11. September ein Puzzleteil sind. »Die Massenvernichtungswaffe untersteht der Waffe der Massenkommunikation«, so Virilio. Ein Krieg ohne diese »schlechten Eltern« ist heute nicht mehr denkbar. Oder wie Virilio George W. Bush zitiert: »Durch eine Kombination imaginativer Strategien und fortschrittlicher Technologien definieren wir den Krieg für uns neu«. Der Krieg ist zu einem Infowar geworden. Damit gelangt man allmählich zu dem Zentrum, um das sich Virilios Essays drehen: der Virtualisierung. Darin sieht er die Revolution (im ursprünglichen, naturwissenschaftlichen Wortsinne von Umwälzung), die sich vollzieht.
Diese Umwälzung hat nachhaltige Auswirkungen auf den Raum und auf das Raumgefühl. Die Kriege der Gegenwart werden nicht mehr auf realen Schlachtfeldern geführt, die Feldherren stecken keine Fähnchen mehr auf Pläne. Der Ort der Kriege ist heute der virtuelle Nicht-Ort, sind die Massenkommunikationswaffen. Wurde im 19. Jahrhundert der Raum erschlossen, so haben sich die Veränderungen des 20. Jahrhunderts in der Übertragungstechnik vollzogen.
Die Veränderungen der Gegenwart sind Veränderungen des Raumes. Durch Fortbewegungsmittel, durch Technik wie Teleobjektive und vor allem durch die Virtualisierung wird der Raum zunehmend zerstört. Nur wer die Straße geht, erfährt von ihrer Herrschaft, schrieb Walter Benjamin. Durch das Eintauchen in den Untergrund und das Wiederauftauchen an anderer Stelle, wird der kontinuierliche Raum zerstört und es entsteht ein Flickenteppich, die den Passagier orientierungslos zurücklässt, der Realraum des Sehsinnes kollabiert in der Metro unter dem Andrang des virtuellen Raumes.
Die Städte entwickeln sich, so Virilio in seinem Essay »Panische Stadt«, von Mega- zu Metastädten, ein Vorgang, den Henri Lefébvre als Verstädterung der Gesellschaft zu beschreiben suchte, die Geopolitik wandelt sich zu einer Metropolitik. Zugleich findet ein Niedergang der Metropolen statt, die Abschottung in festungsähnlichen Siedlungen, in die sich die Wohlhabenden in Amerika und in Südamerika zunehmend zurückziehen. Damit erfolgt eine Umkehrung des Prozesses, den die Städte mit der Industrialisierung erfahren haben. Zugleich sind diese (post)modernen Festungsstädte paradoxer Ausdruck der permanenten Panik, in die die westliche Welt seit dem 11. September versetzt ist. Beteuerungen und Maßnahmen gegen die Panik verstärken diese nur noch.
Die Welt befindet sich also einerseits in einem permanenten Belagerungszustand, während zugleich eine Revolution durch die ungeheure Virtualisierung stattfindet.
Paul Virilios Essay »Panische Stadt« versucht in seiner Deutung einzufangen, was die Welt beschäftigen sollte, während diese vor dem Fernseher sitzt oder noch eben in einer Internet-Community eine Freundschaftseinladung verschickt.
Konzeption
Nach der Realisierung unserer Internet-Trilogie mit den Teilen NEUNUNDREISSIGNEUNZIG, MYSPACE UND CIRCUS MAXIMUS, die den Fokus auf das Individuum und seine Verflüchtigung ins Virtuelle richtete, suchen wir in der »Trilogie des Verschwindens« nach den Ursachen der Transformation der Umwelt, die die Zwänge und Abhängigkeiten des modernen Menschen hervorgerufen hat. Denn die wirklich umwälzenden Prozesse, die unser Leben bestimmen, finden grundsätzlich in der Ferne statt. Wir möchten in der „Trilogie des Verschwindens“ die Sinne für diese Prozesse schärfen und dem Publikum eine Revolution ins Bewusstsein rufen, die sich lautlos und scheinbar blutlos, aber mit noch nicht absehbarem Ausgang mitten in unserer Gesellschaft vollzieht.
Umsetzung
Mit dem zeitgenössischen Komponisten Karsten Gundermann verbindet DRAMATEN eine ganz außergewöhnlich intensive Arbeitsbeziehung und spätestens seit der erfolgreichen Uraufführung von »KAFKAS PROZESS«, anlässlich des 10 – jährigen Bestehens des Societaetstheaters Dresden, ist auch einer breiten Öffentlichkeit die Wichtigkeit von zeitgenössischer Musik in Verbindung mit modernem Theater wieder stärker ins Bewusstsein gerückt.
Um die deutschlandweit einmalige Zusammenarbeit zwischen einem der kreativsten Persönlichkeiten der zeitgenössischen Musik und der freien Produktionsgemeinschaft DRAMATEN weiter pflegen zu können, benötigen wir die Unterstützung der Kulturstiftung Sachsen und anderer Förderer. Vor allem benötigen wir eine Konsolidierung des Zeitmanagements, d.h. Vorlaufzeiten von wenigstens 9 Monaten für die Komposition und weitere 6 – 9 Monate für die Umsetzung.
Karsten Gundermann soll mit einer Komposition zu »Panische Stadt« den Ausgangspunkt für die Trilogie des Verschwindens setzen. Dazu wird er die Sprache Virilios mit der Sprache der Stadt in eine spannungsreiche Beziehung bringen.