DRAMATEN ZU GAST IM SOCIETAETSTHEATER AM 15.03.2012
Sonntag, 05. Februar 2012NUR NACHTS von Sibylle Berg
Ein Neuanfang mit Mitte vierzig, geht das? Petra und Peter, beide bald jenseits werberelevanter Zielgruppen, begegnen sich auf einer Stehparty. Das Elend ihrer Durchschnittlichkeit, das Gefühl, trotz guten Auskommens gescheitert zu sein, zieht sie fast magisch an. Sie beschließen, zu heiraten, gemeinsam fortzuziehen in eine fremde Stadt. Schluss mit verquasten Träumen von Romantik, von der großen, bedingungslosen Liebe. Womöglich lebt es sich glücklicher mit einem Menschen, der vielleicht kein Märchenprinz oder -prinzessin ist, bei dem man sich aber wohl und zu Hause fühlt. So leicht lassen sich lang gehegte Vorstellungen allerdings nicht abschütteln: Zwei Geister suchen Petra und Peter heim, in der Absicht, ihren Heiratsplan zu sabotieren. Sie rufen einstige Versprechungen auf und verstricken sie in Horrorszenen ihres bevorstehenden Paaralltags. Angst zu versagen, Angst vor Krankheit oder Altersarmut – die Klaviatur ist unbegrenzt. Wie verführerisch sind dagegen jene Bilder, die einem täglich eingeimpft werden, von Karriere, schönen Häusern und makellosen, ewig jungen Körpern. Lohnen die hohen Ansprüche ans Selbst nicht das Weiterwarten? Oder gibt man sich da nur Illusionen hin? Und wie viel Mut verlangt es Petra und Peter ab, sich dem gesellschaftlichen Druck zu widersetzen?
Geisterpaar: Ramona Kunze-Libnow, Michael Heuser
Petra: Kathleen Gaube
Peter: Wolfgang Boos
Inszenierung: Volker Metzler
Dramaturgie: Franziska Fuhlrott
Neuer Traum vom Glück ohne Ende
Die Dramaten spielen Sibylle Bergs „Nur nachts“ im Societaetstheater
Die Sehhilfe auf dem Programmzettel wirkt wie eine Art Stereobrille, die den Raum vom Diesseits zum Jenseits öffnet, wo die grimmigen Geister hausen. Sonst stünden ganz einfach nur zwei Paare auf der kleinen Bühne im Societaetstheater und spielten die Geschichte von Sibylle Berg. „Nur nachts“ heißt sie und will sich hier nicht recht zu einem
Stück verdichten, bleibt eine Folge von Episoden, die statt nach einer zwingenden Dramaturgie wie die Punkte eines Prüfungsprogramms aufeinander folgen und dabei ständig changieren zwischen Wirklichkeit und Möglichkeit, zwischen Erinnerung und Traum, ja sogar zwischen Leben und Tod. Am Ende haben die einen auf fast zu simpel anmutende Weise bestanden, die anderen bleiben grollend, mit Revanche drohend zurück. Ganz in Schwarz kommen sie daher, gehen sie dahin, Ramona Kunze-Libnow,
statt düsterer Engel eine gewiefte, sogar brillant singende Animierdame und aufmerksame Beobachterin, Michael Heuser, kein Mephisto, eher ein kraftprotzender Altrocker mit meist kläglich scheiterndem Macho-Gehabe. Der Zwang zur Beobachtung, das Übermaß an Erfahrung hat sie zynisch gemacht, so dass sie niemandem gönnen, was ihnen versagt ist, ein noch so kleines Glück. Schon gar nicht dem zappeligen, an Ideenarmut und Opportunismus gescheiterten Werbegestalter Peter (Wolfgang Boos) und der von allen als farblos empfundenen, von subalternen Tätigkeiten und Alkohol längst abgestumpften Petra (Kathleen Gaube), die doch zu nichts anderem bestimmt waren, als ihr armes kleines Leben einsam bis ans Ende ihrer Tage hinzubringen. Doch dann begegnen sich die beiden eines Abends in einer Disco und fangen an, den irren Traum von einem völlig neuen, gemeinsamen Leben zu träumen, von einem Glück ohne Ende.
Obwohl das normalerweise ganz von selbst mit einem Fiasko enden sollte, machen sich die von ganz oben bzw. von der Autorin beschworenen Geister daran, das Projekt nach besten Kräften zu hintertreiben. Sechs Nächte lang konfrontieren sie die Delinquenten mit
gehabten oder künftigen Frustsituationen, von der Last des Kindererziehens über das Mobbing im Beruf, die wahren Freuden eines Seeurlaubs (der die Ost-Sozialisierung der Figuren enthüllt) bis zum Scheitern an sozialer Verantwortung oder in früheren Beziehungen. Das bietet nebenbei vielerlei Gelegenheit, satirisch zugespitzt den Geisteszustand der heutigen intellektuellen Bürgerwelt zu beschreiben, doch hat sich Volker Metzler, der mit seinen Dramaten und dieser Inszenierung im Societaetstheater gastiert, offenbar selbst so schwer in die Protagonisten Peter und Petra verliebt, dass er allerlei Anachronismen und – zumal mit einem erlesenen Soundtrack – poetische Kontrapunkte gegen manche Flippigkeit des Textes setzt. Er nimmt Nüchternheit und Desillusionierung ernst und verwahrt sich auch gegen eine ironische Distanz, die den Zuschauer glauben ließe, ihn betreffe das alles gar nicht. ( Ein Eindruck, der sich in Bezug auf das konstruierte Umfeld allerdings nicht leicht vermeiden lässt.) Jedenfalls befördert es die glaubhafte Präsenz der Darsteller, und zumal in den eher kabarettistisch konstruierten Versagens-Situationen zeigen sich dadurch auf der einen Seite zaghaft aufblühende Charaktere, auf der anderen so etwas wie Weisheit und Gefühle wider Willen. Freilich stehen Petra und Peter für eine geradezu simple Art von Durchschnitt, der dramatische Zuspitzungen im Lebenslauf zunehmend unwahrscheinlicher macht: ohne echte Leichen im Keller, ohne große Konflikte und Katastrophen in der Biographie – es ist schlicht die Einsicht in die Mittelmäßigkeit und Ereignislosigkeit ihres Daseins, die zur beidseitigen Midlife Crisis führte. Und die sie nun gemeinsam überwinden, gerade indem sie sich der fortgesetzten Angriffe der bösen Geister erwehren.
Sie tun das, indem sie sich Schritt für Schritt zu ihren Schwächen bekennen, mit einer fatalen oder lapidaren Ehrlichkeit, die mehr und mehr sympathisch wirkt, alles nach dem Motto: Was uns nicht umbringt, macht uns stark, und so wäre das kleine Wunder am Ende eigentlich keins, käme hier nicht so viel geradezu neugeboren anmutende Naivität ins Spiel, soviel Bereitschaft und Offenheit aus dem Boden fortwährender Enttäuschungen.
Die gewöhnliche Lebenspraxis stellt der Anpassungsfähigkeit von Mittvierzigern dagegen ein ganz anderes Zeugnis aus, und auch der Neugewinn an philosphischer Erkenntnis zur Absurdität des Daseins ist eher zu vernachlässigen. Sei es drum, es bleibt eine sympathische Huldigung an die Liebe im etwas reiferen Alter, die sich eben manchmal sogar gegen alle Erwartungen und Vorurteile behauptet.
Tomas Petzold DNN 10./11.September 2011







































