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STELLA – EIN SCHAUSPIEL FÜR LIEBENDE

Fernando sitzt in der Falle

Vor Jahren hat er seine Ehefrau Cäcilie verlassen, um mit der jungen und temperamentvollen Stella zu fliehen. Mit ihr hat er an einem abgeschieden Ort in wilder Ehe gelebt. Nach ein paar Jahren treiben ihn das schlechte Gewissen und die Sehnsucht aus dem jugendlichen Liebesnest, um nach der abgelegten Ehefrau zu suchen. Aber Cäcilie bleibt unauffindbar.
Schließlich  nimmt der Zufall das Zepter in die Hand und lässt die drei Liebenden aufeinander treffen. Das Liebeskarussell dreht sich von neuem. Während die Ehefrau durch Geborgenheit und Beständigkeit reizt, weiß die andere durch Jugend und Schwärmerei zu locken. Nicht einfach für einen Mann, sich da zu entscheiden…

Stella: Isabel Meier-Koll

Cäcilie: Katja Lawrenz

Lucie: Ulrike Sperberg

Postmeisterin: Verena Schacht

Fernando: Wolfgang Boos

Inszenierung: Volker Metzler

Ausstattung: Harald Hacke Sassen

Dramaturgie: Franziska Fuhlrott

Regieassistenz: Kathleen Gaube

Ein Zustand, der allen Mut der Seele raubt

Im Garten des Societaetstheaters wird Goethes „Stella“ gezeigt

Als die junge Lucie von ihrer Mutter erfährt, dass der Mann, der sie eben noch umgarnt hat, der sich auf den Boden warf, um einen Blick unter den Rock werfen zu können, ihr Vater Fernando ist, entfährt ihr ein entsetztes wie verzweifeltes „Oh mein Gott!“ – dann kotzt sie in ihre Handtasche. Jedenfalls in Volker Metzlers Inszenierung von Goethes Frühwerk „Stella“ mit der damals ziemlich ungewöhnlichen Gattungsbezeichnung „Ein Schauspiel für Liebende“, das jetzt auf der Gartenbühne des Societeatstheaters Premiere hatte.

Nein, „Vati“ (als Lucie Fernando das erste Mal durchaus ironisch so nennt, wird dies vom Publikum mit reichlich Gelächter quittiert) ist nicht tot. Die von Lucie mit Routine abgespulte Geschichte, ihr Vater sei Kaufmann gewesen und auf der Überfahrt nach Amerika ums Leben gekommen, muss umgeschrieben werden. Ulrike Sperberg als Lucie ist jedenfalls aus dem Rennen. Im Spiel um die Gunst Fernandos bleiben buhlend ihre gereifte wie tatkräftige Mutter Cäcilie (Katja Lawrenz), die Fernando vor Jahren verließ, und die aktuelle Flamme, die junge temperamentvolle Stella (Isabel Meier-Koll). Beide Frauen empfinden für den Rock tragenden, mehr getriebenen als selbst agierenden Fernando eine absolute, ekstatische Liebe, die dieser nach kurzer Zeit allerdings als Fessel empfindet. „Jede fordert ihn ganz“, wie Fernando nur zu klar ist, und auch Lucie hat gewisse Ansprüche an den Papa. Fluchtgedanken kommen auf (wenn auch nicht ohne einen Anflug von Reue): „Ich muss fort – ich wär ein Tor, mich fesseln zu lassen. Dieser Zustand erstickt alle meine Kräfte, dieser Zustand raubt mir allen Mut der Seele; er engt mich ein!“

Die Lösung, die in der Luft liegt, heißt Bigamie, kein Wunder, dass der Berichterstatter des „Altonaer Reichspostreuters“ nach der Uraufführung im Februar 1776 in Hamburg ironisch anmerkte: „Sein Roman ‚Die Leiden des jungen Werthers’ ist eine Schule des Selbstmords, seine „Stella“ ist eine Schule der Entführungen und Vielweiberey. Treffliche Tugendschule!“ Die poetische Lösung Goethes ist letztlich in einer utopisch-ironischen Kunstwelt angesiedelt, die den Sinn des Zuschauers für Möglichkeiten ansprechen soll, weshalb schon der Autor zur Einschätzung kam: „Es ist einfach kein Stück für jedermann.“

Das lässt sich nun von dieser Produktion Metzlers und der Dramaten allerdings zum Glück denn doch nicht behaupten. Es mag jetzt nicht so dem Affen Zucker gegeben werden wie in manchen anderen Sommer-Freiluft-Spektakeln dieser Tage, kurzweilig ist diese Produktion gleichwohl. Das liegt zum einen am alles in allem überzeugenden Spiel der Akteure, wobei die Frauen, nicht nur weil sie im Kleinen Schwarzen stecken, die einen Tick bessere Figur machen. Zum anderen wäre da die schöne, kunstvolle, Aufmerksamkeit erfordernde Sprache der Vorlage, die weitgehend so belassen wurde, was den Reiz der konzentrierten Dialogstruktur erhält. Wurde die Vorlage hier und da aber doch etwas ergänzt oder aufgepeppt, etwa wenn Lucie von der Postmeisterin (dargestellt von der anfangs viel zu leise sprechenden Verena Schacht) „Cola, Fanta, Sprite“ verlangt, dann maßvoll.

Unverkennbar und nicht zu überhören: die Schlüsselbegriffe, die der von Goethe beabsichtigten Gefühlsaufklärung zuarbeiten: „Herz“, „Seele“, „Wille“, „Gefühl“, „Schuld“, „Schicksal“…Und natürlich „Verwirrung“ und „Qual“, beides im Zeichen der Liebesproblematik. „Ich habe so Probleme mit Frauen“, röchelt Fernando an einer Stelle, die Augen verdrehend – auch so eine gute Pointe, die zu Recht Lachen auslöst, und das jetzt nicht bei all jenen Männern, die Fernandos Probleme gern hätten.

Christian Ruf, DNN 18.07.2011



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