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LETZTMALIG IN DIESER SPIELZEIT: WOYZECK AM 27.06. und 28.06.2011!

“Jeder Mensch ist ein Abgrund; es schwindelt einen, wenn man hinabsieht.”


In der Anstalt


Volker Metzler hat auf der Dramaten-Bühne Büchners „Woyzeck“ reduziert

Es ist das sicher berühmteste Fragment deutscher Literaturgeschichte. Etwa 25 Seiten umfasst der Text von „Woyzeck“ aus der Feder Georg Büchners. Kann diese Geschichte um einen Soldaten, der zum Mörder seiner Marie wird, noch knapper dargestellt werden? Sie kann, sagten sich offenbar Regisseur Volker Metzler und Dramaturgin Franziska Fuhlrott. Auf der Bühne dominiert das Paar (Wolfgang Boos und Katharina Behrens), flankiert nur vom undurchsichtigen Doktor (Kathleen Gaube). Das Trio gibt ein Kammerspiel mit redundanter Note, wobei der Text stellenweise eine fast metaphysische Komponente bekommt, ohne in seinen Wiederholungsstreifen eintönig zu werden.

Die Kühle scheint anfangs herüberzuwehen von der Bühne. Dafür sorgen das Licht, das nicht wärmt, die breite Spielfläche und die eigentümliche Atmosphäre: Krankenpritschen, bespannt mit Grün und Violett, geben dem Geschehen den Charakter einer abstrusen geschlossenen Anstalt. Was wiederum auf Woyzeck zweifelos auch im übertragenen Sinn zutrifft: Er lebt in seiner kleinen, abgekapselten Welt, bis die Eifersucht seinen kleinen Geist auffrisst, bis ihm Stimmen zuraunen, er soll Marie töten.

Metzler macht aus dem Fragment wiederum ein Fragment, lässt fast alles an Personage weg, was nicht gebraucht wird. Der Dialog zwischen Woyzeck und Marie, der mit ihrem Tod endet, wird schon kurz nach Beginn eingestreut, eher beiläufig. Ganz am Ende sprechen ihn beide noch einmal, fast ohne Betonung. Umso beklemmender wirkt er, weil in der knappen Stunde zuvor auf der Bühne eins klargeworden ist: Woyzeck kann in dieser Welt nicht bestehen, seinem wahnhaften Fieber und den daraus erwachsenden Aktionen kann er nicht entfliehen. Ein armer Hund. Marie dagegen könnte ein Leben leben, vielleicht. Doch Woyzeck lässt sie nicht, nachdem ihm aufgegangen ist, dass sie sich dem Tambourmajor hingegeben hat.

Requisiten braucht es kaum auf der Bühne des „kleinsten unsubventionierten Theaters der Stadt“ (Metzler). An Woyzecks Gürtel baumelt der Stahlhelm, das reicht als Zuschreibung. Dafür spielt vor allem Wolfgang Boos diese wandelnde Zeitbombe Woyzeck ruhig und dadurch umso bedrohlicher. Augenrollen ist nicht gefordert, um diesem Geist, der schon auf die Seite des Wahns hinübergewechselt ist, eine düstere Aura zu verleihen.

Selbst die Live-Untermalung des Ganzen mit Franzi Patzig an der Gitarre krankt nicht. So bekommt Marie am stilisierten Mikrofon ihre Momente des Aufbegehrens, bevor Woyzecks Messer ihr Leben kalt beenden wird. Die dritte Bühnenfigur, der Doktor, erscheint dagegen fast überflüssig. Es bedürfte seiner Einflüsterungen kaum noch, um Woyzeck dem Aufbegehrensbgrund entgegentorkeln zu sehen. Die unheilige Zweifaltigkeit von ihm und Marie reicht allemal, um zu zeigen, dass hier keine Hoffnung entschwinden muss. Es hat sie schlicht nicht gegeben.

Großer Text auf kleiner Bühne also, so präsentierte sich der Dramaten-Start in die Vollen. Metzler kündigte einen recht geschlossenen Spielplan mit zehn bis zwölf Inszenierungen übers jahr an. Eine Off-Bühne am Rand der Neustadt mit rund 50 Zuschauerplätzen sollte jedenfalls ihren Platz finden. Hofft man.

Torsten Klaus, DNN, 17.1.2011

Besetzung: Katharina Behrens (Marie), Kathleen Gaube (Doktor), Wolfgang Boos (Woyzeck)

LIVE MUSIK: Fran Patzig

Regie: Volker Metzler

Dramaturgie: Franziska Fuhlrott

Regieassistenz: Katalin Naszaly

Kartenbestellung unter: 0351 2 05 33 13 oder post@dramaten.de



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